
Niels Annen ist Mitglied des SPD-Parteivorstands. Er hat in den letzten vier Jahren den Hambuger Wahlkreis Eimsbüttel im Bundestag vertreten. Dort war er Mitglied im Auswärtigen Ausschuss.
Ab März wird er ein halbes Jahr in Washington beim German Marshall Fund arbeiten und insbesondere seine Erfahrung zur Politik für Afghanistan einbringen. Er hat den Sammelband "Zeit für Frieden" mit herausgegeben und dort einen Beitrag zur "Friedenspolitik als Sicherheitspolitik" veröffentlicht.
Mehr als nur mehr Soldaten bedenken!
Die deutsche Politik wird bald die Frage nach der Perspektive ihrer Afghanistan-Politik beantworten müssen. Die Rote Armee hat vorgemacht, dass es möglich ist, eine funktionsfähige afghanische Armee aufzubauen. Der Fokus auf das Militärische allein ist aber weiterhin nicht zielführend.
Ausgangspunkt
Die Rede von Präsident Obama vor den Kadetten der Militärakademie Westpoint leitet einen Wendepunkt in der Afghanistan-Politik ein. Erstmals gibt es ein Datum für den Rückzug. Im Sommer 2011 soll damit begonnen werden. Ob es sich dabei um eine Wende zum Guten handelt, darf jedoch bezweifelt werden. Der amerikanische Präsident will die Voraussetzungen für den Abzug vor allem dadurch erreichen, dass er 30000 zusätzliche Truppen an den Hindukusch entsendet. Die NATO wird dann eine vergleichbare Anzahl von Soldaten in Afghanistan stationiert haben wie sie die Rote Armee in Afghanistan zusammengezogen hatte.
Einsichten
Allein die Entsendung von Soldaten wird in Afghanistan nicht automatisch zu einer Stabilisierung der Lage führen. Es ist daher umso enttäuschender, dass Präsident Obama sich nur undeutlich zur politischen Strategie geäußert hat. Während für George Bush noch die Bekämpfung von al-Qaida im Mittelpunkt stand, rücken seit geraumer Zeit die Taliban verstärk ins Blickfeld der Koalitionstruppen. Aus dem Stabilisierungseinsatz ISAF ist in den letzten Jahren immer mehr ein Krieg gegen unterschiedliche Gruppen von Aufständischen geworden. Die in den ersten Jahren erfolgreichen Wiederaufbaubemühungen sind immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Dadurch, dass die USA die Aufstandsbekämpfung inzwischen auch im Gebiet der Regionalkommandos vornehmen, die ihnen nicht direkt unterstellt sind (z.B. im Regionalkommando Nord das von der Bundeswehr geführt wird), wird der Einsatz der NATO immer mehr zu einem amerikanischen Krieg.
Folgerungen
Angesichts der sinkenden Zustimmungsraten für den Afghanistan-Einsatz stehen die europäischen Regierungen unter Erfolgsdruck. Die Ankündigung Obamas eines mittelfristigen Truppenabzugs muss daher nicht unbedingt zu der von den Amerikanern gewünschten Truppenaufstockung führen. Im Gegenteil, Obamas Rede könnte auch eine umgekehrte Dynamik auslösen, denn es ist kaum vorstellbar, dass die europäischen NATO-Partner länger als die Amerikaner im Land bleiben werden. Kanada und die Niederlande hatten einen Abzug ihrer Kampftruppen bereits angekündigt.
Anschlussfragen
Die deutsche Politik wird die Frage nach der Perspektive ihrer Afghanistan-Politik beantworten müssen. Eine Festlegung, wie sie Obama vorgenommen hat, ist von der Bundeskanzlerin bisher ausgeblieben. Die Frage lautet: Was können wir bis Sommer 2011 für Afghanistan erreichen? Die Rote Armee hat vorgemacht, dass es mit einer vergleichbaren Anzahl an Soldaten möglich ist, eine funktionsfähige afghanische Armee aufzubauen, die mit finanzieller und personeller Unterstützung in der Lage war, noch vier Jahre nach dem Abzug der Sowjets die Macht in Kabul zu verteidigen. Die Rote Armee als Vorbild also? Sicher eine provokante Frage, die aber angesichts der dramatischen Lage am Hindukusch gestellt werden muss. Eine Strategie die nicht nur eine „Befriedung“ sondern wirklichen Frieden für Afghanistan erreichen will, muss jedoch über das Militärische hinaus denken. Dabei geht es um ökonomische Perspektiven jenseits des Drogenhandels und eine politische Strategie, die alle Akteure des Landes und seiner Nachbarländern mit einbezieht. Wenn die Afghanistan-Konferenz in London diese Fragen aufgreift, kann aus der Obama-Initiative vielleicht doch noch ein Erfolg für Afghanistan werden. Eine Konferenz die ihren Erfolg allein an der Zahl der zusätzlichen Soldaten misst, können wir uns dagegen getrost sparen.
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