Worin liegt der momentane Erfolg der Piraten Partei begründet? Ist er als „Aufstand der Zivilgesellschafft“ dauerhaft oder eine Eintagsfliege?
Ausgangspunkt
Zunächst ist festzuhalten: Die Piratenpartei ist keine Internetpartei. Zwar ist sie auch aufgrund der Reduzierung der Internetkultur auf wirtschaftliche Fragen sowie auf das Thema innere Sicherheit durch die etablierten Parteien entstanden. Dass das Internet nämlich eine kulturelle Frage mit hoher Bedeutung für junge Wählern ist, wie Umweltfragen für frühere Generationen, hatten die etablierten Parteien lange nicht verstanden. Doch das eigentliche Thema für die Piraten sind Bürgerrechte. Die Mehrheit der Mitglieder mit 60,7% bezeichnet sich derart als linksliberale Partei. Immerhin 76,7% gaben – bei Mehrfachnennungen – an, sich wegen der »Verteidigung und Stärkung der Bürgerrechte« bei den Piraten zu engagieren, hingegen »nur« 57 % wegen der Netzpolitik (vgl. Tobias Neumann, Die Piratenpartei in Deutschland. Entwicklung und Selbstverständnis, Berlin 2011).
Doch das ist nicht der entscheidende Grund für das Ergebnis in Berlin. Die Wahlergebnisse der Piratenpartei sind als Kritik am politisch-demokratischen System zu verstehen. 82% ihrer Mitglieder sind aus »Unzufriedenheit mit der politischen Arbeit der etablierten Parteien« in die Piratenpartei eingetreten. Laut Vorwahlbefragung wählten in Berlin 66 % die Piratenpartei aus Unzufriedenheit mit anderen Parteien, nur 33 % wegen ihrer Inhalte.
Einsichten
Dass die Eskalation des Politikmisstrauens gerade jetzt geschieht, ist nicht überraschend angesichts des aktuellen Bildes, das die politischen Institutionen abgeben. Insgesamt
sieben Entwicklungen führen zu einer Delegitimierung der Politik, welche als Basis für den Erfolg der Piraten sind:
Die etablierte Politik untergräbt
erstens die eigene Legitimation, weil sie die eigenen demokratischen Verfahrensweisen den Regeln der Finanzmärkte unterwirft.
Zweitens verspielt die Politik das Vertrauen der Bevölkerung, weil sie daran scheitert, die Finanzmärkte zu regulieren, ja sie erweist sich in den Augen der Bürger nur noch als machtloser Spielball der Finanzmärkte.
Es wird derzeit
drittens ein zentraler Teil jeder Repräsentationsbeziehung in Frage gestellt, wenn die Bürger den Eindruck haben, dass die Politik letztlich nicht mehr der Mehrheit der Bevölkerung nutzt.
Der Piratenpartei schadet ihre offenkundige Inkompetenz dabei nicht, weil –
viertens – sowieso keiner Partei eine Lösungskompetenz zugewiesen wird.
Die Delegitimierung der Politik wird
fünftens verstärkt, weil viele Bürger in den letzten Jahren den Eindruck hatten, dass Einzelinteressen und Lobbyismus regieren.
Sechstens hat die soziale Demokratie in den letzten 10 Jahren erheblichen Schaden genommen. Weil es dem Staat in den Augen vieler Bürger nicht mehr gelingt, seine zentrale Aufgabe in der Absicherung sozialer Risiken und in der Vermeidung sozialer Schieflagen zu gewährleisten, schwindet das Vertrauen in die politischen Institutionen – daher auch der Erfolg des Konzepts des Grundeinkommens der Piratenpartei.
Schließlich bieten die Piraten
siebtens eine Alternative zur behaupteten Alternativlosigkeit: Indem die Politik ständig mit »there is no alternative« argumentiert, wurden die Piraten faktisch die Alternative für Nichtwähler, die sich vorher frustriert abgewendet hatten. 23.000 Stimmen konnten die Piraten in Berlin aus dem Nichtwähler-Lager mobilisieren.
Folgerungen
Die Piraten sind also letztlich das Ergebnis einer manifest gewordenen Systemkrise der repräsentativen Demokratie. Sie bieten die Möglichkeit des Offenlegens der Abneigung gegen die etablierten Parteien. Die Bürger sehnten sich offensichtlich »nach einer anderen Art Politik«, sagte Spitzenkandidat Andreas Baum. Sie sind eine Projektion und eine (naive) Hoffnung auf eine andere Politik und »echte Demokratie«.
Dass es die Piraten sind, die von der Unzufriedenheit mit der Politik profitieren, mag allein an dem Zeitpunkt der Eskalation oder dem schlechten Wetter liegen. Während im sonnigen Spanien und Israel die Jugend auf den Plätzen campiert, wählt sie in Deutschland die Piraten. Die Piraten profitierten derart von einem Gelegenheitsfenster. Stuttgart 21, die Protestbewegungen in den arabischen Staaten oder in Spanien und Israel haben kulturell und medial den Boden bereitet.
Die Piraten profitierten ferner davon, dass die Grünen nicht mehr für den »Kampf gegen das Establishment« standen. Sie transportierten ein Lebensgefühl, das die Grünen verloren haben.
Kontinuierlicher Faktor oder Eintagsfliege?
Solange sich die Politik nicht wandelt, wird das Potenzial der Piraten erhalten bleiben, wenngleich offen bleibt, ob die Piraten weiter der Träger dieser Bewegung sein werden. Ihre Inkompetenz spielt noch keine Rolle, da sie noch unter »Welpenschutz« stehen. Gleichwohl wird die Piratenpartei nicht auf Dauer ohne Inhalte auskommen: Sie haben angekündigt, die Basis zu verschiedenen Themen zu befragen. Auch droht sie mittelfristig entzaubert zu werden.
Die Piratenpartei vertritt eine Spielart einer Elitendemokratie: Sie besteht in der Mehrzahl aus formal besser gebildeten Männern, welche Bürgerbeteiligung als bessere Demokratie erachten, letztlich aber nicht merken (oder zugeben wollen), dass soziale Teilhabe nicht gegeben ist .Letztlich ist auch die Internet-Demokratie der Piraten eher ein Symbol der »Alternative zum bestehenden demokratisch-politischen System « als eine »echte Alternative«. Selbst 55%der eigenen Mitglieder finden es etwa schwer, den Überblick über die Vielzahl von Entscheidungen im »liquid democracy «-System zu behalten.
Die etablierten Parteien müssen also attraktivere und vor allem glaubwürdigere Programme und Verfahrensweisen entwickeln. Sie müssen wieder das Primat der Politik von den Finanzmärkten zurückgewinnen, die Beteiligung auf allen Ebenen ausbauen, Lobbypolitik beschränken und nicht zuletzt sozial gerechte Politik in einer auseinanderfallenden Gesellschaft aufgreifen und nicht nur taktisch bespielen. Es müssen wieder klare Alternativen zwischen den politischen Lagern formuliert werden, was angesichts der Mitte- Strategie Merkels gleichwohl schwierig sein wird.
Der vollständige Artikel „Die Piraten: Alternativ-Bewegung zur etablierten Politik“ ist in der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Hefte nachzulesen. Das Heft kann hier bestellt werden.
Er ist online ebenfalls aufrufbar auf dem Facebook-Profil der FES Studienförderung